projektionen zum 10. mai

vierunddreißig aktionen von hans nevídal

vom 10. Mai 2000 bis zum 10. Mai 2033 (jeweils 22:00 Uhr) an den fassaden der deutschen nationalbibliothek

dienstag 10. 5. 2016 22:00 uhr
adickesallee ecke
eckenheimer landstraße

aus aktuellem anlass zeigt hans nevídal brandschutzfilme aus österreich,
polen, ungarn, mazedonien, der türkei, weißrussland und russland

Pressetext zur Veranstaltung (PDF)

begleitet vom symposion an der tankstelle:

andreas hansert spricht zur bücherverbrennung als event
am 22. mai 1933 auf dem schlosshof in offenbach

in seinem symposionsbeitrag wird der historiker andreas hansert über seine forschung zur geschichte der hfg im nationalsozialismus sprechen. unter führung des kampfbundes für deutsche kultur wurden am 22. mai 1933, dem 120. geburtstag richard wagners, auf dem schloßplatz in offenbach vor einer temporären tribüne zur musik aus dem fliegenden holländer hunderte bücher verbrannt.


bücherverbrennung auf dem salzburger residenzplatz am 30. 4. 1938

hans nevídal beginnt am 10. 5. 2000, etwa zum zeitpunkt des autodafés1 vom 10. 5. 1933, mit der projektion von brandschutzfilmen (filmen des technischen brandschutzes) an die fassade der deutschen nationalibliothek in frankfurt am main und setzt 2001 am bücherturm in leipzig fort. die letzte aktion wird 2033 stattfinden.

diese 34 aktionen wurden bisher von zwei symposien in der galerie für zeitgenössische kunst leipzig begleitet:

2009peter glaser: die kalte bücherverbrennung, digitalisierung / datenverlust, marc ries: das brennende bild, bilderverbrennung / bücherverbrennung,
2011zum wandel der zensur im spannungsfeld zwischen leaks, journalismus und neuen medien mit siegfried lokatis, bodó balázs und andy müller maguhn,

kuratiert von eva ursprung.

 

in frankfurt wird die aktion in unregelmäßigen abständen von performativen vorträgen begleitet, die zusammen das symposion an der tankstelle bilden:

2010marc ries: das brennende bild
2014chris hables gray: burning books, burning bodies, burning minds
2016andreas hansert: bücherverbrennung als event am 22. mai 1933 auf dem schlossplatz in offenbach

nevídal stellt das projekt erstmals 2007 mit dem vortrag similia similibus curare im frankfurter kunstverein zur diskussion. er beruft sich dort auf paracelsus, der 1527 in basel den canon medicinae von ibn sina (oder ein anderes medizinisches kompendium) ins johannisfeuer warf.

historischer zusammenhang und lokaler bezug:
die erste bücherverbrennung großen ausmaßes wird von yíng zhèng (秦始皇帝), dem einiger chinas, im Jahre 213 v. chr. überliefert. der bekannteste fall von bücherverbrennungen in der antike ist die zerstörung der großen bibliothek von alexandria. die vernichtung bedeutender Bestände als kollateralschaden bei der eroberung der stadt durch cäsars truppen ca. 47 v. Chr. erinnert frappant an die brände der irakischen nationalbibliothek und der koranbibliothek 2003. mit der wohl endgültigen zerstörung der bibliothek von alexandria um das Jahr 400 und der folgenden bestialischen ermordung der philosophin hypatia beginnt das zeitalter der christlichen scheiterhaufen. nach der einführung des buchdruckes kommt es 1559 zur erstellung des index librorum prohibitorum2 und in der folge zur gründung der kongregation für die glaubenslehre.

die veranstalter der bücherverbrennung vom mai 1933 beziehen sich meist auf zwei ereignisse: als reaktion auf die hinrichtung seiner bücher verbrannte luther 1520 in wittenberg die bannbulle des papstes und ein exemplar des corpus iuris canonici. 1817 feierten studenten der deutschen universitäten auf der wartburg in thüringen mit einer bücherverbrennung den „geburtstag des glaubens und der freiheit“. beide ereignisse illustrieren die geschichte des deutschen antisemitismus.

1820 schrieb heinrich heine „das war ein vorspiel nur, dort wo man bücher verbrennt, verbrennt man auch am ende menschen“ mit bezug auf die verbrennung islamischer und arabischer texte in granada 1499 durch die inquisition.

nach der machtergreifung der nationalsozialisten am 30. januar 1933 rief die deutsche studentenschaft zu einer verbrennung „zersetzender jüdischer und marxistischer schriften“ auf. vom 10. mai bis in den juni 1933 (wegen des extrem starken regens ein längerer zeitraum) wurden an vielen orten in deutschland öffentlich bücher verbrannt: mit duldung der behörden, sogar begleitet von polizei und feuerwehr, verbrannten nationalsozialistische studenten, sa & ss und ihre anhänger auf dem opernplatz in berlin und vielen anderen deutschen städten zehntausende bücher. in der folge wurden anhand schwarzer listen die deutschen bibliotheken von „undeutschen“ schriften gesäubert.

1 autodafé wird ebenso wie inquisition seit dem 18. jahrhundert verwendet und bedeutet glaubensgericht.
2 auf diesen index berief sich goebbels 1933 bei der erstellung der schwarzen listen.

hans nevídal wurde am 29. 3. 1956 in wien geboren. als experimentalgrafiker erforscht er das weite feld der drucktechniken und in seiner kozeptuellen arbeit soziale prozesse und beziehungen. ein wesentlicher aspekt seiner arbeit ist das interesse an den „blinden flecken“ unserer wahrnehmung – dingen, die wir lieber ausblenden, nicht sehen wollen – aber durchaus auch an sachverhalten, die so offensichtlich sind, dass wir sie nicht mehr bewusst wahrnehmen oder hinterfragen.

nevídal: ich sehe das anliegen prophylaktischer psychosozialer hygiene im vordergrund. dies ist durchaus doppelbödig gemeint, da manche das vernichten von „zersetzenden schriften“ auch als akt der prophylaxe und der sozialen hygiene sehen!